CRAFT ACT – DORTMUND

CraftAct_Cologne

CRAFT ACT – Philippinische Manufaktur im Wandel

Eine Wanderausstellung in NRW

12.11.14 – 15.11.14 > Halle im Depot, Immermannstr. 29, 44147 Dortmund

Ausstellungstermine

No. 1 > Köln: 30.09.14 – 08.10.14 > Ehem. Aufzugshalle, Marienstr. 73, 50825 Köln

No. 2 > Dortmund: 12.11.14 – 15.11.14 > Halle im Depot, Immermannstr. 29, 44147 Dortmund

No. 3 > Köln: 19.01.15 – 25.01.15 >Ehem. Aufzugshalle, Marienstr. 73, 50825 Köln,Teil der Designers FAir 2015 und im Rahmen der Passagen Köln

No. 4 > Essen: 27.01.15 – 13.02.15 > Bank im Bistum Essen eG, Gildehofstraße 2, 45127 Essen

 

Konzept + Hintergrund der Ausstellung

CRAFT ACT ist Ausdruck gemeinsamer Leidenschaft für die Wertigkeit von Handwerk und Design aus den Philippinen. Der Zusammenschluss von lokalen Manufakturen und Handwerkskooperativen (HoliCOW) in den Visayas verfolgt das Ziel, indigene Materialien wirtschaftlich durch nachhaltige Produktion zu nutzen, um sie zu schützen.

CRAFT ACT erzählt die Geschichte ihrer Herangehensweise. Qualität wird aus einer anderen Perspektive geschildert, um Produkte auch in ihrem sozialen Kontext erfassen zu können.

Die Kölner AFOS Stiftung arbeitet seit August 2009 mit der Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie mit der Stiftung für Qualifizierung und Ausbildung (sequa) auf den Philippinen. In einem Kammer- und Verbandsprogramm unterhält AFOS mit lokalen Organisationen eine intensive Partnerschaft, deren Ziel es u. a. ist, neue Nischenmärkte zu entwickeln.

Dies gilt in erster Linie für den lokalen Markt, aber auch für den Export. Eine der geförderten Industrien ist der traditionelle Kreativsektor – Möbel und Kunsthandwerk – in der Region der Visayas.

Mit der Weltwirtschaftsrezension 2008/09 erlitt die Branche einen schweren Einbruch. Der deutschsprachige Markt – der Design, Qualität und Preis zunehmend auch mit Nachhaltigkeit verknüpft – war fern und fremd für die Filipinos. Zudem gab es keinen Zusammenschluss von Unternehmen, um sich der notwendigen Herausforderung gemeinsam konzeptionell zu stellen.

98% aller Betriebe in den Philippinen sind Kleinst- und Kleinunternehmen. Handarbeit ist im philippinischen Kontext von Möbeln und Kunsthandwerk unentbehrlich.

 

Die Wanderausstellung in Nordrhein-Westfalen möchte den BesucherInnen nicht nur eine kurzweilige Geschichte erzählen; es geht viel mehr um den Austausch und die Diskussionen hin zu weiteren Kooperationen. Philippinisches Design und Handwerk sollen ihrer Wertigkeit entsprechend honoriert werden.

Die Perspektive von CRAFT ACT geht weit über die reine Produktansicht hinaus. Produktionsbedingungen aller Produkte werden in dieser Ausstellung im Detail in Wort und Bild dargestellt – authentisch und greifbar.

Nachhaltigkeit wird konkret und deckt transparent Stärken und Schwächen der AkteurInnen auf. Jeder soll sich ein Bild schaffen: der Handel, der bewusste Käufer und der interessierte Besucher.

Philippinisches Design und Manufaktur

Design beinhaltet praktische, technische, ästhetische und symbolische Funktionen. Beim Design wurde stets versucht, den Begriff von der Kunst einerseits und dem Handwerk oder Kunsthandwerk andererseits abzuheben. Früher war das alleinige Hauptmerkmal die industrielle Fertigung eines Produkts. Entwurf und Ausführung lagen nicht mehr in einer Hand, sondern waren getrennt voneinander. Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung begann auch die Geschichte des Designs um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

Manufaktur im Möbel- und Kunsthandwerk ist Ausdruck von Tradition und Kultur auf den Philippinen. Gleichzeitig müssen Funktionalität, Design und Preis den Markt überzeugen – für philippinische Kleinst- und Kleinunternehmer eine besondere Herausforderung.

In den Philippinen, speziell auf der Inselgruppe der Visayas, war Design seit Ende des Zweiten Weltkriegs ein Begriff. Die koloniale Vergangenheit zu den USA lockte viele Filipinos aus mittleren und oberen Schichten zum Studium nach Übersee. Auch die Designer von HoliCOW haben ihr Handwerk in den USA und später auch in Europa erlernt. Dieser multikulturelle Einfluss vor dem Hintergrund einer 350 Jahre währenden Kolonialisierung durch die Spanier hat vielfältige Spuren hinterlassen. Der Designbegriff in den Visayas war vor allem ästhetisch, künstlerisch geprägt. Märkte wie die von Nordamerika oder später in den Emiraten verlangten nach Luxus und Styling, was wiederum von den Funktionalisten in Europa angegriffen wurde.

Das Thema ‚Nachhaltiges Design’ wurde insbesondere durch die Cebu Furniture Industries Foundation (CFIF) immer wieder ins Gespräch gebracht. Zudem besann man sich auf die Vielfalt indigener Materialien. Deren Eigenschaften und Farbpaletten wurden wieder entdeckt. Traditionelle Fertigkeiten wie die des Webens und Flechtens erfuhren neue Wertschätzung.

Design in den Philippinen ist auch weiterhin geprägt von der Handwerkskunst. Das Gros der Produktpalette von HoliCOW ist nicht industriell, sondern in Handarbeit gefertigt. Diese handwerklichen Raffinessen sind charakteristisch für philippinisches Design und verleihen dem Produkt den spezifischen Charakter und eine besondere Ästhetik.

 

Es ist ein Weg, der zurück in die Zukunft geht, der sich seine Eigenständigkeit – indigene Materialien und Handwerk – bewahrt, aber auch die modernen Einflüsse nachhaltiger Produktion und eines funktionalen Designs verkörpert.

 

 

Nachhaltiges Design

Basierend auf zahlreichen Standards haben die Partner und Initiatoren der HoliCOW eine Kriterienliste erarbeitet, um den Begriff der Nachhaltigkeit zu konkretisieren, angepasst an den äußeren Bedingungen der Unternehmen und Kooperativen. Dies bezieht sich zum einen auf die spezifische Technologie des Sektors, aber auch auf soziale und umweltspezifische Anforderungen.

 

Die Kriterien basieren in erster Linie auf der nationalen Gesetzgebung. Ein unabhängiges Prüfungsunternehmen hat diese bei allen Lieferanten und Herstellern untersucht und bewertet. Die Korrekturmaßnahmen werden Schritt für Schritt dokumentiert und implementiert. Der Produktionsprozess wird transparent und ehrlich gegenüber dem Kunden dargestellt. Auf der HoliCOW Seite – www.holicow.ph – kann der Prozess individuell verfolgt werden.

 

Diesen komplexen Weg der Produkte und ihrer dahinter stehenden Menschen im Detail darzustellen, ist das Ziel der Ausstellung. Transparente Kommunikation, nicht nur visuell, sondern auch in Fakten. Kein einfacher Weg, eher azyklisch im Kontext globaler Handelsstrukturen.

Es ist Zeit, die Philippinen in einem anderen Licht zu präsentieren als nur allein im oberflächlichen Dasein von Naturkatastrophen und politischen Konflikten.

 

 

HoliCOW – Handwerkskooperativen

Die Mitglieder der vier Kooperativen sind Kleinst- bzw. Kleinunternehmer im handwerklichen Sektor und formieren sich zugleich innerhalb der benannten Organisationen.

In Bezug auf ihren sozialen und wirtschaftlichen Status gehören sie zur Armutsbevölkerung der Philippinen.

 

Hinter der ‘La Libertad Weaver’s Association (LALIWA)’ stehen Flechthandwerker aus La Libertad und Guihulngan, zwei Nachbargemeinden der Provinz Negros Occidental auf der Insel Negros.

Die Flechthandwerker arbeiten mit lokalen Materialien aus ihrer Umgebung, die sie zum Großteil selbst anbauen und ernten. Zum einen sind es die schwertförmigen Blätter der Pandanus-Pflanze (aus der Gattung der Schraubenbäume), die als Blattstreifen verflochten werden zu Matten, Taschen, Körben, etc. Ein weiteres typisches Material ist Abaca (aus der Gattung der Bananen), dessen lange Hartfasern der Blätter zu Seilen verflochten werden, um sie anschließend direkt an Fischer und Bauern zu verkaufen oder in Produkten wie Körbe und Taschen zu verarbeiten.

 

Die ’USWAG Calahunan Livelihood Association’ (UCLA) vereint mehr als 180 aktive Mitglieder, die in unterschiedlichen Bereichen rund um die Mülldeponie der Stadt Iloilo City auf der Insel Panay arbeiten. Die offene Mülldeponie hat eine Gesamtfläche von 9 Hektar. Tagtäglich arbeiten dort circa 300 Frauen und Männer als Müllsammler (waste pickers/waste recycling workers). Sie trennen hauptsächlich die wiederverwertbaren Abfälle (wie Papier, Plastik, Metall und Glas), um diese anschließend weiterverkaufen zu können. UCLA fördert weitere Aktivitäten, um den Müllsammlern eine alternative Beschäftigungsmöglichkeit bieten zu können. So fertigen einige Frauen und Männer Schmuck aus recycelten Papieren an und Taschen aus gebrauchten Getränkeverpackungen.

 

Die ‘Tubigon Loomweavers Multi-Purpose Cooperative’ (TLMPC) stellt handgewebte Textilien aus vielen verschiedenen pflanzlichen Naturfasern (Abaca, Raphia, Baumwollfasern, Kokosfasern, etc.) her. Die Mitglieder der Kooperative arbeiten gemeinsam in einer Produktionsstätte an ihren Webrahmen oder kümmern sich als Hersteller oder Zulieferer um den Bestand der Rohmaterialien. Die Kooperative befindet sich in der Gemeinde Tubigon auf der Insel Bohol. Traditionelle Muster werden in unterschiedlichen Techniken je nach Farbwu?nschen und Größenangaben gefertigt. Das Hauptmaterial ist Raphia (eine Gattung der Palmengewächse), dessen getrocknete Blattstreifen oder Fasern weiterverarbeitet werden zu meterlangen Textilrollen. Diese werden entweder als Meterware verkauft oder für Produkte, wie Taschen und Tischsets, genutzt.

 

Die ‘Rise Above Foundation’ unterstützt mit unterschiedlichen Programmen bedürftige Familien eines Ortsteiles der Stadt Cebu City auf der Insel Cebu. Neben einer Kindertagesstätte, wo sich hauptsächlich Ehrenamtliche um die Betreuung und Förderung der Kinder kümmern, gibt es seit einigen Jahren ein Trainingsprogramm für Frauen, um eine Beschäftigungsmöglichkeit im kreativen Handwerk zu erlernen. Die ausgestellten Taschen und Körbe bestehen aus recycelten Reis- und Tierfuttersäcken, die gesäubert in einzelne Streifen getrennt werden, um sie anschließend flächenmäßig in unterschiedlichen Mustern und Farbkombinationen zu verflechten.

 

 

HoliCOW – Designer

Christina Gaston ist seit Anfang der 1990er Jahre die Designerin der ‚Hacienda Crafts Company’. Der Name beschreibt den Ursprung ihres Familienunternehmens, welches sich auf der Insel Negros seit mehr als einem Jahrhundert mit der Produktion von Zucker beschäftigt. Die hochwertigen und handgefertigten Produkte der Firma werden ebenfalls zum Großteil auf dem Land produziert, in einer kleinen Manufaktur direkt in Fußnähe zum Familiensitz der Familie Gaston.

Christina Gaston entwirft Lampen, Möbel und Accessoires wie Körbe und verschiedene Tischdekorationen. Dabei greift sie zurück auf lokale Materialien und traditionelle Handwerkstechniken, die sie in Kombination mit zeitgemäßem Design in neue Produkte überführt.

 

Debbie Palao arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Designerin in Cebu City. Angefangen hat sie im Bereich Mode. Die Verbindung dazu ist auch in ihren Möbelstücken zu erkennen, die so vielfältig sind, wie die Wahl ihrer Materialien. Die aufwendig produzierten Produkte lassen viel Handarbeit erkennen und bekommen dadurch ihren einzigartigen Charakter. In der Ausstellung sind vor allem Möbel aus Rattan und Abaca zu sehen, die allesamt in Cebu City in ihrer Produktionsstätte ‚Design Ventures Cebu’ hergestellt werden.

 

Vito Selma hat mit 18 Jahren bereits im Unternehmen seiner Eltern (Stonesets) seine ersten Möbelstücke entworfen und produzieren lassen. Nach einem Designstudium in den Staaten kehrte er zurück nach Cebu City, um sein eigenes Label zu gründen. Seit 2008 produziert Vito Selma unter seinem eigenen Namen Designprodukte, die mit handwerksverspielten Details und zugleich einer modernen und reduzierten Formensprache zu charakterisieren sind. Für seine Produkte verwendet er lokale Materialien wie Gemilina, Mahagoni, Bambus und Rattan und kombiniert diese mit Glas, Metall, Stein oder hochwertigen Textilien. Produziert werden diese im Familienunternehmen seiner Eltern in Cebu City.

 

Vikki und Paula Rodriguez präsentieren sich als Geschwisterpaar gleich mit zwei Unternehmen – ’Detalia Aurora’ und ’Co-Creative Studio’.

Detalia Aurora existiert als Familienunternehmen seit Mitte der 1990er Jahre. Das Unternehmen arbeitet mit unterschiedlichen Designern zusammen, die zum Teil fest im Unternehmen arbeiten, aber auch speziell für eine Kollektion hinzugezogen werden. Dementsprechend vielfältig ist auch das Repertoire an Produkten.

Vikki und Paula Rodriguez haben ihr Designstudium in den Staaten absolviert und arbeiten seitdem in Cebu City im Unternehmen ihrer Eltern. In diesem Jahr haben sie das neue Label ’Co-Creative Studio’ gegründet, um eigene Designs in einer neuen Form präsentieren zu können.